Allgemeines zum Pfarrhaus
 
Die Entstehung des Pfarrhauses

Durch das Zölibat war es katholischen Priestern nicht möglich zu heiraten und eine Familie zu gründen. Wer die höheren Weihen empfangen wollte war dem Zwangszölibat unterworfen.

Die Reformatoren sprachen sich eindeutig gegen den Zwangszölibat aus. Von 1520 an heirateten evangelische Theologen.
Auf dieser Grundlage entstand das evangelische Pfarrhaus, das die Familie des Pfarrers beinhaltet (Pfarrer, Pfarrersfrau, Pfarrerskinder).

Pfarrhausarchiv
 

Finanzierung und Lebensumstände des Pfarrhauses

Am Anfang war es für die evangelischen Pfarrer schwierig, besonders da sie nicht die üblichen Bezüge erhielten und deshalb oft mit ihren Familien in großer Armut lebten.
Auch lebten noch viele evangelische Pfarrer weiterhin im Konkubinat. Das führte dazu, daß sich die Gemeindemitglieder immer öfter über den unsittlichen Lebenswandel ihrer Pfarrer beschwerten und auf andere Gemeinden auswichen, um die Lehren des Evangelium im reformatorischen Sinne zu hören. Diese Mißstände sollten durch Visitationen aufgedeckt und Lösungen gefunden werden.

1532 wurde entschieden, die Güter der durch die Reformation eingegangenen Klöster von kurfürstlichen Beamten verwalten zu lassen (Sequestration). Einem Vorschlag Luthers folgend verwandte man die dort erwirtschafteten Gelder zu einem gewissen Teil für die Besoldung der Pfarrer. Aber auch die ehemaligen Mönche, die nicht zum evangelischen Glauben übergetreten waren mußten versorgt werden. Daher blieb von den Geldern nur ein geringer Teil für die Pfarrstellen übrig.

Zu den Pfarreien gehörte größtenteils auch ein Stück Land, das der Pfarrer für seinen Unterhalt selbst bebaute, die sogenannten Pfründe. Je nach der Qualität der Pfründe fiel der Lebensunterhalt der Pfarrer aus. Daher gab es große Unterschiede in der Lebensqualität.

Das änderte sich erst im 19. und 20. Jahrhundert. Die Pfründe wurden im 19. Jahrhundert kaum noch von den Pfarrern selbst bestellt, sondern verpachtet. Im 20. Jahrhundert und in der heutigen Zeit werden die Gehälter der Pfarrer aus den Kirchensteuern der Gemeindemitglieder, den Einnahmen der verpachteten Pfründen und staatlichen Zuschüssen der Bundesländer bestritten. Somit können auch Ruhestandsgelder ausbezahlt werden, so daß heute kein Pfarrer mehr verpflichtet ist, bis zu seinem Tode Dienst zu tun.

 

Die Pfarrfrau

Die Pfarrfrau spielte zwar eine wichtige Rolle im Pfarrhaus, wurde aber selten berühmt, im Gegensatz zu den männlichen Angehörigen des Pfarrhauses. Das liegt in erster Linie an der Rollenverteilung im Pfarrhaus, die bis in jüngste Zeit aufrecht erhalten wurde. Die Pfarrfrau hielt zuerst ihrem Mann den Rücken frei für seine Arbeit. Sie unterstützte ihn zwar auch bei seiner Gemeindearbeit, hielt sogar sehr oft das Pfarrhaus aufrecht und am Laufen, aber das wurde als normal und nicht weiter erwähnenswert angesehen.

Erst in neuerer Zeit, da sie oft auch einen eigenen Beruf ausübt hat sich das Bild der Pfarrfrau grundlegend geändert. Sie hat nicht mehr soviel Zeit neben Arbeit und häuslichen Pflichten auch noch die gesamten Belange der Gemeinde zu klären.

Außerdem gibt es längst den Beruf der Pfarrerin. Jetzt übernimmt öfter die Frau die Arbeit in der Gemeinde, mit einem Pfarrmann an ihrer Seite.

 

Bedeutung des Pfarrhauses

Das Pfarrhaus war immer eine kulturtragende Institution, oft die einzige in der Gemeinde. Die meisten Pfarrerskinder erhielten eine solide kulturelle Ausbildung.

Aus dem Pfarrhaus gingen einige bedeutende Wissenschaftler und Künstler hervor. Man kann sogar sagen, daß etwa die Hälfte aller bedeutenden wissenschaftlich und kulturell arbeitenden Männer aus dem Pfarrhaus stammten. Das belegt eine Feststellung des Altkatholiken Friedrich von Schulte, daß von den 1.631 in der "Allgemeinen deutschen Biographie" behandelten Männern 861 aus dem evangelischen Pfarrhaus stammen.

Im evangelischen Pfarrhausarchiv werden Informationen zu allen Pfarrhausmitgliedern gesammelt, vorallem auch aus dem Grunde, die Bedeutung des Pfarrhauses anhand von Einzelbeispielen zu belegen. Wer sich in der Ausstellung des Pfarrhausarchivs einmal genau umsieht, wird erstaunt sein, welche Personen alle aus dem Pfarrhaus stammen.

Hier die Namen einiger der bedeutendsten Personen:

  • Johannes Agricola (Pfarrer; bedeutender Theologe der Reformationszeit; bedeutender Sammler deutscher Sprichwörter)
  • Friedrich von Bodelschwingh (Pfarrer; Begründer und Leiter der diakonischen Anstalten in Bethel)
  • Alfred Brehm (Pfarrerssohn; Zoologe und Forschungsreisender)
  • Friederike Brun, geb. Münter (Pfarrerstochter; Schriftstellerin und Dichterin)
  • Gottfried August Bürger (Pfarrerssohn; Dichter)
  • Johann Amos Comenius (Pfarrer; Volkserzieher des 17. Jh.)
  • Georg Samuel Dörffel (Pfarrer; Astronom)
  • Johann August Duncker (Pfarrerssohn und Pfarrer; Begründer der optischen Industrie in Rathenow)
  • Dorothea Christine Erxleben, geb. Leporin (Pfarrfrau; erste deutsche Doktorin der Medizin, 1754)
  • Leonhard Euler (Pfarrerssohn; Mathematiker, Physiker und Astronom)
  • Gottfried Wilhelm Fink (Pfarrerssohn und Pfarrer; Komponist und Musikwissenschaftler)
  • Friedrich Fröbel (Pfarrerssohn; Begründer der Kindergärten)
  • Paul Gerhardt (Pfarrer; bedeutender Dichter von Kirchenliedern)
  • Georg Friedrich Händel (Pfarrersenkel; Komponist)
  • Philipp Matthäus Hahn (Pfarrer; Erfinder)
  • Johann Gottfried Herder (Pfarrer; Schriftsteller, Philosoph)
  • Herrmann Hesse (Pfarrerssohn; Schriftsteller)
  • Friedrich Hölderlin (Pfarrersenkel; Lyriker)
  • Friedrich Ludwig Jahn (Pfarrerssohn; "Turnvater" und Volkserzieher)
  • Gotthold Ephraim Lessing (Pfarrerssohn; Dichter)
  • Philipp Melanchthon (Theologieprofessor)
  • Eduard Mörike (Pfarrer; Schriftsteller)
  • Thomas Müntzer (Pfarrer; Theologe)
  • Friedrich Nietzsche (Pfarrerssohn; Philosoph)
  • Michael Praetorius (Pfarrerssohn; Komponist, Musiktheoretiker)
  • Friedrich Ferdinand Runge (Pfarrerssohn; Mediziner und Chemiker)
  • Karl Friedrich Schinkel (Pfarrerssohn; Baumeister)
  • Heinrich Schliemann (Pfarrerssohn; Archäologe)
  • Albert Schweitzer  (Pfarrerssohn und Pfarrer; Friedensnobelpreisträger)
  • Georg Philipp Telemann (Pfarrerssohn; Komponist)
  • Alfred Wegener (Pfarrerssohn; Grönlandforscher)
  • Christoph Martin Wieland (Pfarrerssohn; Dichter)
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